Little Books

Schreibhefte für indische Schulkinder dienen Sibyll Kalff als Ausgangsmaterial für eine Projektreihe, mit der sie sich zwischen (Reise)-Tagebuch, Skizzenheft und Künstlerbuch bewegt. Rund 50 solcher Objekte sind inzwischen entstanden, teils auf Reisen, teils zu Hause. Innerhalb des persönlichen künstlerischen Werks von Sibyll Kalff knüpfen sie zwar an frühere Editionen und handgenähte Bücher an. Doch diese "Little Books" sind vielmehr als skulpturale und installative Objekte gedacht: Sie werden in Ausstellungssituationen nämlich nicht - wie sonst bei derlei Exponaten üblich - zum Durchblättern ausgelegt oder in Vitrinen ausgebreitet, sondern mit aufgeschlagenen Seiten an den Wänden präsentiert. Solchermaßen erscheinen diese Buchobjekte dem Ausstellungsbesucher dann nicht als bibliophile Informationsträger zum Lesen, sondern als Kunstwerke zum Betrachten.

Jedes dieser "Little Books" enthält Collagen, Zeichnungen, Malerei, Texte, darunter auch Zitate von eigenen Song-Texten, Fotos, Briefe, Notizen, Kassenzettel und Gepäckquittungen von Flugreisen. Sinnigerweise werden diese Kladden in Zeiten, in denen sie nicht ausgestellt werden, in einem alten Koffer aufbewahrt. Einige "Books" focussieren sich thematisch auf eine bestimmte Person, etwa den Musiker Jimi Hendrix, und sind als Hommage gedacht, andere dokumentieren und reflektieren mit Fotos aus dem Familienalbum auf einer sehr persönlichen Ebene bestimmte Lebensumstände und die Erinnerungen daran. Es ist im Grunde genommen ein Archiv mit Relikten von Zeitreisen durch reale und vorgestellte Welten. Dabei können die abgebildeten Orte in der Rückschau durchaus eine mythische Aufladung erfahren, die allerdings nur jemand versteht, der eine ähnliche intensive emotionale Beziehung zu diesem Ort empfindet. Aber wir wissen genau: Nicht nur die äussere Welt ändert sich, sondern auch die Bedeutung, die ein Ort mal hatte.

Sibyll Kalff sammelt Augenblicke. Sie läßt die Eindrücke und Empfindungen ganz bestimmter Momente in diesen Büchern gerinnen. Damit haben diese "Little Books" atmosphärisch und künstlerisch eine gewisse Nähe nicht nur zur Beat Poesie eines William Burroughs oder zu Jack Kerouac mit seiner spontanen Prosa, sondern auch zu den Situationisten der fünfziger Jahre des 20. Jh. Die Bild-Text-Kombinationen stehen in einer neo-dadaistischen Tradition, der die bramarbasierenden Malerfürsten des 20. Jh. immer mit Misstrauen begegnet sind. In diesem dadaistischen Sinne erfahren eingeklebte Busfahrscheine der amerikanischen Greyhound-Linie ein künstlerisches Recycling, und zusammen mit Fotos als Momentaufnahmen und kurzen tagebuchartigen Notizen werden solche Collagemomente in diesen Büchern ausgebreitet als kaleidoskopartige Splitter, die vor allem eines sind: authentisch.

Jürgen Raap, 2006

Little Books




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