Die Weite suchen
Sibyll Kalffs "1000 Opunzien"
Von Daniel Kothenschulte
Die Wüste hat als Imaginationsraum viele Spuren in der Kunst des 20. Jahrhunderts hinterlassen. Die Surrealisten Tanguy und Dalí suchten für ihre Bildräume diese Weiten, die sie im wahrsten Wortsinn entstaubten von allem Muff des vorausgegangenen Orientalismus. Zu den Filmemachern, die existierende Wüsten als Schauplätze für existentielle Dramen wählten, zählen Erich von Stroheim ("Greed"), John Ford ("Three Godfathers"), Michelangelo Antonioni ("Zabriskie Point") und David Lynch ("Wild at Heart"). Für die Dichtkunst brachte Dichter T. S. Eliott die Metaphorik zurück auf das einzelne Sandkorn, als er seinem berühmten Gedicht "The Waste Land" ("Das wüste Land") ein griechisches Zitat aus Pretonius' "Satyricon" voranstellte, das an die Prophetin Sibyl erinnert.
Diese war dazu verurteilt, ihre Tage in einer Flasche im Tempel von Cumae zu verbringen, aber Apollo gewährte ihr immerhin ein langes Leben, das so viele Jahre dauern solle, wie sie Sandkörner in der Hand halten könne. Ewige Jugend aber war damit nicht gemeint; und so alterte die bedauernswerte Prophetin bis sie sich mit ihren Jahrhunderten förmlich aufzulösen schien: "Mit meinen eigenen Augen also sah ich die Sibyl von Cumae in ihrer Flasche hängen. Und als die Jungen fragten, Was wünscht du dir?, antwortete sie: Ich möchte sterben."
Ich weiß nicht, ob sich Sibyll Kalff in ihrer Kunst so intensiv mit der Ikonographie der Wüste beschäftigt, weil sie ihrer antiken Namenspatronin Ehre machen möchte. Wer sie aber in ihrer kleinen Atelierwohnung besucht, wird immer einen aufgeschlagenen Bildband über die karge Schönheit dieser Landschaften vorfinden. In einer ihrer jüngsten Serien verwandelt sie alte Reisepässe durch Übermalung und Collagierung in Kursbücher imaginärer Wanderungen. Die Serie "1000 Opunzien" entstand bereits 1994 und erreichte unter den kargen räumlichen Bedingungen der kleinen Wohnung, die sie mit dem Künstler Donald Lessau teilte, monumentale Ausmaße. Es sind tatsächlich nicht weniger eintausend Blätter, die sie in farbiger Tusche mit immer anderen Exemplaren dieser roten Kakteenart füllte. Dass sich dabei zu keinem Zeitpunkt eine erkennbare Routine einstellte, entspricht der besonderen Arbeitsweise dieser Künstlerin zwischen Konzeptkunst und Improvisation.
Als Musikerin und Komponistin protokolliert sie den Schöpfungsprozess unmittelbar in ihren Aufnahmen. Einladungen, ihre Musik öffentlich aufzuführen, geht sie beharrlich aus dem Weg. Warum sollte ein Maler ein perfektes Bild ein zweites Mal für das Publikum malen? Der französische Schauspieler Michel Simon hatte eine unüberwindliche Ablehnung, den Wünschen seiner Regisseure nach einer zweiten Aufnahme nachzukommen. "Der zweite Take ist immer eine Lüge", sagte er dann.
Wer die Wüste darstellen will, beginnt kaum mit der Vegetation (obwohl Walt Disneys Film "Die Wüste lebt" aus dem Jahre 1953 zugegeben sein Sujet, die Sierra Nevada, als lebendigen Ort darstellte). Kalffs Wüste ist repräsentiert durch ihre attraktive Bewohnerin. Die robuste Kakteenpflanze mag Überlebenswillen, Unabhängigkeit und stacheliges Selbstbewusstsein ausdrücken. Sie rückt aber auch die Weite ihres unsichtbaren Umraums mit ins Bild. Dass die Wüste häufig erotisch konnotiert ist, weiß man etwa aus der Modefotografie. An keinem Ort der Welt gehen Diskretion und Öffentlichkeit eine derartige Verbindung ein. Man kann dort - sofern es die klimatischen Bedingungen erlauben - dort tun und lassen was man will. Die rote Farbigkeit und die Ähnlichkeit mit Geschlechtsmerkmalen beider Geschlechter betonen die sexuelle Aufladung dieses Sujets. Allerdings ist es keine Sexualität, die auf Mitwirkung einer Partnerin oder eines Partners drängt. Die eintausend Opunzien scheinen sich selbst genug. Darin wiederum spiegeln sie ihren solitären Entstehungsprozess, befruchtet allein von Jimi Hendrix' Musik, die Kalff 1997 in der Kölner Galerie Thor Zimmermann in einer "Nacht der Opunzie" zelebrierte. In der Wüste das Leben mit der Musik dieses großen Rock'n'Roll-Toten zu zelebrieren, kommt dem tradierten Thema einer anderen tradierten Bildserie Kalffs nahe, dem Totentanz.
Nach Angaben der Vereinten Nationen wachsen die Wüsten der Welt jährlich um 100.000 Quadratkilometer. Das ist eine beunruhigende Nachricht, aber immer gibt es Gegenbewegungen. Vielleicht sind sie ein Totentanz, diese "1000 Opunzien". Aber auch darin stemmt sich diese bis ins Tausendstel individuell ausformulierte Konzeptkunstarbeit der Verwüstung entgegen.
Daniel Kothenschulte ist Kunst- und Filmkritiker der Frankfurter Rundschau.
Er lehrt Kunstgeschichte und Film and der Städelschule, Frankfurt/Main
und an der Akademie für angewandte Kunst, Dortmund.
Die Nacht der 1000 Opunzien
KATALOGTEXT ZUR AUSSTELLUNG:
3.6.-3.9.2006 "Sexwork/Nachtaktiv" - Frauenmuseum Bonn, in Cooperation mit: Museum der Arbeit, Hamburg, Haus am Kleistpark, Berlin, UdK/Berlin; http://www.frauenmuseum.de/
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